[Bestellen] [Zur Romanliste][Heftromane]
|
Memento Mori Markus Saxer: Die auserlesene Storysammlung des großen Schweizers! |
|
Band Nr. 49
Autor: Markus Saxer
Titelbild: Michael Mittelbach
Preis 5,- Euro
Hier anklicken für noch mehr Details plus Vorschau mit Leseprobe!
Memento Mori - Storysammlung von Markus Saxer
Inhalt:
- Das Porträtfoto..................................................................4
- Marfas Schatten................................................................5
- Herr Adam...........................................................................6
- Diabolus in musica..............................................................8
- Ein Fremder in der Badewanne......................................15
- Pestilenz..............................................................................19
- Milanas Elixier..................................................................28
- Totentanz..........................................................................34
- Gespensterkind................................................................36
- Die Kleine auf dem Flur..................................................42
- Begegnung in der Kathedrale........................................43
- Der doppelte falsche Mozart.......................................48
- Elysia und ihr Spiegel.....................................................51
- Nick & Philine....................................................................58
- Eine Statue sein...............................................................61
- Marmorengel.....................................................................61
- Golgatha.............................................................................62
Storybeispiel "Das Porträtfoto":
Ich lag seitlich ausgestreckt auf dem Bett. Die Blätter der getrockneten Rosen in der Vase raschelten in dem kühlen Luftzug, der durchs offene Erkerfenster einströmte; er streichelte meine geschlossenen Lider und fuhr mir über die Stirn. Mir war, als salbte mich der Allmächtige. Ich schlug die Augen auf. Der Himmel wurde ihm Fensterrahmen zu einem azurblauen Gemälde komprimiert. Die im oberen Drittel schwebende Sonne schien über etwas Endgültiges zu meditieren, dann und wann wurde sie von einer vorüber ziehenden Wolke ausgeknipst. Als ich blinzelte, flogen die Wolken urplötzlich im Zeitraffer vorbei, das Solarlicht wurde in kurzen Intervallen an- und ausgeschaltet. Von Schwindel erfasst musste ich die Augen schließen, dachte, ich sei nicht mehr als ein Schatten einer der dahinfliegenden Wolken.
Das Zimmer, in dem ich mich befand, hatte etwas Unwirkliches an sich und ich konnte mir nicht sicher sein, ob ich mich faktisch nicht bloß in einem meiner düsteren Gedankengebäude niedergelegt hatte. Eine laute, bedrohliche Stille verstärkte die Furcht meiner Nerven und ließ mich schaudern.
Als ich die Augen öffnete, blickte ich meiner Frau ins Gesicht. Iris lag in einer Kuhle, ein gekrümmter Körper wie aus weißem Marmor, von Rodin vollendet aus der Materie befreit. Ihr Kopf ruhte auf dem Kissenzipfel, den sie sich um den Oberarm geschlagen hatte. So eine schöne Gestalt, so herzzerreißend lieblich.
Ein schräg einfallender Sonnenstrahl verfing sich in ihrem Haar, es schimmerte rostrot. Ihr Gesicht war vorzüglich geschnitten. Mein mit Sonne bekränzter Engel! Sie hatte wieder diesen abgehärmten Zug um den Mund. Die Hautpartie über ihren Lippen war entzündet, Iris hatte andauernd Schnupfen. Sie blickte wie durch mich hindurch, als sei ich aus Glas oder existiere nicht. Das tat sie in letzter Zeit öfters. Ich rückte mit dem Gesicht ganz dicht an sie heran und atmete den grasigen Duft ihres Stirnschweißes ein, verzehrte mich nach ihr. Leise seufzend kreuzte sie die Arme fötal vor der Brust. Ihre Fingernägel waren bis zur Schmerzgrenze abgekaut. Leerer Blick. Sie seufzte erneut und senkte die Lider mit den dornigen Wimpern.
Meine Fingerkuppen glitten über das Bettzeug, mir kam es vor, als spürte ich es nicht. Iris murmelte im Schlaf. Die Stille saugte sich an mir fest und blies mir ihren Moder ins Gesicht. Etwas hatte schon vor Tagen meine Lebenswurzeln verbrannt, war mit dem innersten Wesenskern meines Menschseins aus mir herausgetreten und hatte mich wie eine abgestreifte Haut zurückgelassen. Ich hatte mich heftig zur Wehr gesetzt, gezittert, gekämpft und gerungen.
Das Licht, des Tages überdrüssig geworden, ließ seine Sklaven - die Schatten aus ihren Käfigen, ehe es sich zurückzog. Das Zwielicht im Zimmer wurde dunkler, das Fenstergemälde verwandelte sich nach und nach in schimmerndes Schwarz. Ich sah den Sternen zu, wie sie allmählich ausschwärmten.
Iris erwachte aus ihrem Schlummer und knipste die Nachttischlampe an. Sie entnahm der Schublade ein gerahmtes Porträtfoto von mir und führte es an ihre Lippen, wobei sich ihr Gesicht zu einer Schmerzensmaske verzog. Mein Blick fiel auf den schwarzen Trauerrand des Fotos...