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Paranoia

Wolfgang Hiller: Reise in den Wahnsinn



Band Nr. 50

Autor: Wolfgang Hiller

Titelbild: Michael Mittelbach

Preis 5,- Euro

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Leseprobe:


In der folgenden Nacht lag Hager lange in seinem Hotelbett wach, musste er doch erst die Eindrücke des vergangenen Tages verkraften. Zuviel war in den letzten Stunden auf ihn eingestürzt, vom Verschlafen am frühen Morgen über das Malheur beim Duschen und die peinliche Leibesvisitation auf dem Flughafen Schönefeld bis hin zur kaum verhohlenen Verachtung, die ihm seitens der anderen Reisenden entgegenschlug. Dabei hatte er sich, um nicht von Anfang an als Außenseiter dazustehen, nach Kräften bemüht, während des Fluges und danach mit ihnen in Kontakt zu kommen, hatte sich sogar bei seinem Lieblingsthema, dem Schicksal der Zarenfamilie, spürbar zurückgehalten und dafür Interesse am Leben der anderen geheuchelt, doch hatte alles nicht geholfen. Der alte Herr aus Potsdam sah in ihm offenbar einen langmähnigen Gammler und zeigte das auch deutlich, die dickwanstigen Berliner lästerten, wie es ihm schien, ungeniert über ihn und seine vermeintlichen Marotten, sobald sie ihn außer Hörweite wähnten und die Landsleute aus Hamburg, Marburg und Bayern wandten sich, wenn er sich ihnen näherte, ab, als hätte er die Pest oder Cholera.


Aber letztlich, dachte Hager, konnte es ihm egal sein, wie sich die anderen ihm gegenüber verhielten. Und vielleicht war es sogar besser, wenn er keinen allzu innigen Kontakt mit ihnen pflegte, weil er sich dann umso mehr auf den eigentlichen Zweck der Reise konzentrieren konnte...


Dann schlief der Buchhändler endlich ein und sah sich noch einmal auf dem Airport landen, ließ im Traum die Stunden nach der Ankunft in Moskau Revue passieren, näherte sich wieder dem imposanten Hotel Kosmos am vormaligen All-Unionszentrum, einem Wolkenkratzer, der nahezu westliches Flair ausstrahlte, obwohl er bereits in den 70-ern erbaut worden war. Wunderte sich darüber, dass er an der Rezeption als erstes seinen Pass abgeben musste, der bis zum Auschecken im Gewahrsam des Hotels blieb. Labte sich noch einmal an den kulinarischen Köstlichkeiten, die ihm in einem der vielen Speisesäle des Kosmos kredenzt wurden und staunte über das unmittelbare Nebeneinander von unverblümt zur Schau getragenem Wohlstand einiger Neureicher und der bitteren Armut vieler Alter, ein bizarrer Kontrast, der ihm schon bei einem ersten Spaziergang in der Hotelumgebung ins Auge sprang. Auf seiner kleinen Zeitreise betrat er schließlich wieder die viel zu groß geratene Empfangshalle der Unterkunft und stolperte plötzlich über einen unsichtbaren Gegenstand. Im nächsten Moment öffnete sich vor ihm der Boden und er blickte in einen unendlich tiefen Vulkankrater, in ein höllisches Inferno, aus dem riesige Flammen emporschlugen und die Schreie unzähliger Verdammter zu ihm drangen.


"Hol uns hier heraus!", hörte er einen verzweifelten Mann rufen und gleich darauf eine Frau mit glockenheller Stimme betteln:


"Hol uns hier raus, Boris, und sei es nur der armen Kinder wegen!"


"Ja! Bitte! Hilf uns!", schrieen daraufhin die Sprösslinge des Zaren und alle Romanows stimmten in den Gefangenenchor aus Nabucco ein, der seit längerem als Backgroundmusik zu hören war, als würden sie damit der Hölle entfliehen können.


"Was kann ich für Euch tun?", rief Hager ratlos in die Tiefe und seine Stimme kam als tausendfaches Echo, einem gewaltigen Bumerang gleich, zu ihm zurück, zerriss sein Trommelfell und weil er jetzt taub war, begriff er nicht, was der Zar und seine Angehörigen von ihm wollten, die sich an ihn klammerten und wild gestikulierend auf ihn einsprachen.


"Ich höre Euch nicht!", rief er entnervt, begriff, dass er nicht einmal seine eigene Stimme vernahm und flehte Gott den Allmächtigen an, dem Spuk endlich ein Ende zu machen. Erschrak über seine Maßlosigkeit und warf sich voller Scham und Reue Nikolaus zu Füßen, der ihn mit knochigen Händen wieder aufrichtete und ihm wortlos zu verstehen gab, dass er seine demutsvolle Geste zu würdigen wisse. Noch sei er nicht in der Lage, die Botschaft der Romanows zu verstehen, doch bald werde er sie begreifen und einer der ihren werden...


Soweit unsere Leseprobe: Weiter geht es im Roman!