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Das Dorf der verkauften Seelen Miguel de Torres: Die teuflische Heimsuchung von Baroja |
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Band Nr. 52
Autor: Miguel de Torres
Titelbild: Michael Mittelbach
Preis 5,- Euro
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Leseprobe:
Der Wind stank.
Sebastián drehte den Kopf ein wenig, so dass ihm der Wind direkt ins Gesicht blies. Ostwind war sehr selten in dieser Jahreszeit; zumindest in diesem kleinen Tal, in dem das Dorf Baroja lag. Der Geruch, den dieser Ostwind mit sich trug, hatte nichts Vertrautes an sich. Sebastián hatte in den fünfzig Jahren seines Lebens viel gesehen, gehört und nicht zuletzt gerochen - mehr als jeder andere, der in diesem Dorf wohnte -, dies jedoch war etwas völlig Neues, und diese Erkenntnis ließ ihn trotz der warmen Frühlingssonne schaudern.
Es war kein gutes Omen.
Ein Hustenanfall schüttelte den alten Mann. Er spuckte aus. Obwohl er es nicht sehen konnte, wusste er, dass die Flüssigkeit Blut enthielt - viel Blut. Drei Jahrzehnte, in denen er als Steinmetz auf den größten Baustellen Spaniens gearbeitet und in denen er den Ruf, einer der Besten zu sein, erworben hatte, forderten nun ihren Tribut. Seine Augen waren von dem Gesteinsstaub fast blind geworden, aber was ihn töten würde, war der Husten, gegen den kein Arzt ein Mittel gefunden hatte. Als ihm dies klargeworden war, hatte er sich entschlossen, in jenes Dorf zurückzukehren, in dem einst seine Mutter geboren worden war.
Zurückzukehren, um zu sterben.
Sebastián legte den Kopf in den Nacken und versuchte, jene Stelle in der beinahe senkrecht aufsteigenden Felswand zu finden, an der, wie er wusste, das Kloster San Pedro de la Peña liegen musste, doch seine Augen waren zu schwach. Mehr als die harte Trennlinie zwischen Fels und Himmel, Hunderte von Metern über sich, konnte er nicht erkennen.
Er schloss die Augen, die durch die Anstrengung wieder zu schmerzen begonnen hatten. Nicht weit entfernt vernahm er das leise Plätschern eines Rinnsals von Schmelzwasser, und vorsichtig tat er einige Schritte in dessen Richtung. Zwar war ihm das Dorf und seine Umgebung mittlerweile so vertraut, dass er sich auch ohne Augenlicht relativ sicher bewegen konnte, aber der vor allem in den Schattenzonen noch zurückgebliebene Schnee war tückisch, und der alte Mann war in diesem Winter trotz aller Vorsicht mehr als einmal gestürzt.
Das Rinnsal musste sich nun unmittelbar neben seinem Fuß befinden. Langsam ging Sebastián in die Hocke und suchte mit der linken Hand nach dem Wasser. Richtig - da war es! Er formte aus beiden Händen eine Schale und schöpfte damit etwas von dem kühlen Nass, das er sich über das Gesicht und vor allem die schmerzenden Augen goss.
In diesem Moment ertönten Schritte auf dem steinernen Pfad, der vom Dorf hart an der aufsteigenden Felswand entlang nach Osten führte. Die Schritte näherten sich rasch. Sebastián, dessen Gehör nicht gelitten hatte, sondern im Gegenteil geschärft schien, erkannte nicht alle Dorfbewohner an ihrem Schritt, doch diesen kannte er, weil er beim Gehen den linken Fuß so stark nachzog, dass er zu torkeln schien: Es konnte sich um niemand anderen als Pablo Acuña handeln, den elfjährigen Sohn von Luis Acuña, dem Bauern. Pablo hatte nicht nur Probleme beim Gehen, sondern konnte auch kaum sprechen. Er stotterte stark, was dazu führte, dass in den wenigen Fällen, in denen er sich jemandem mitzuteilen versuchte, dieser meist bald die Geduld verlor und den Jungen kurzerhand stehen ließ - und das schloss seine eigenen Eltern mit ein. Sebastián war der einzige, der sich öfters mit Pablo befasste, und dabei hatte er erkannt, dass der Junge trotz seiner körperlichen Behinderungen durchaus nicht dumm war. Es gab nur niemanden, der seine Intelligenz zu wecken versuchte.
Die Schritte hielten unmittelbar hinter ihm an, und Sebastián erhob sich. Er wandte sich um; seine Augen nahmen lediglich die Umrisse der Gestalt wahr, die nun vor ihm stand. Der Alte hob an zu sprechen, doch ein langgezogener Schrei kam ihm zuvor - Pablo hatte ihn ausgestoßen. Die Arme des Jungen begannen, unkontrolliert zu zucken; er wich zwei Schritte zurück, wobei sich seine Beine unterhakten und er beinahe zu Boden fiel. Dann drehte er sich um und rannte, so schnell es seine Behinderung zuließ - rannte zurück ins Dorf, in dessen vermeintliche Sicherheit, weg von dem, was ihn so erschreckt hatte.
Weg von Sebastián.
Noch immer schrie Pablo, als wäre der leibhaftige Teufel hinter ihm her.
Ratlos starrte der Alte dem sich rasch entfernenden Schemen nach. Wenn sein Augenlicht besser gewesen wäre, hätte er gewusst, was den Jungen so erschreckt hatte. Dann hätte er gesehen, dass sein Gesicht und seine Hände, benetzt von dem vom Felsen herabfallenden Schmelzwasser, rot gefärbt waren.
Blutrot ...
Soweit unsere Leseprobe: Weiter geht es im Roman!