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Sam

Wolfgang Hiller: Zum Tode verurteilt - und die grausige Wahrheit



Band Nr. 54

Autor: Wolfgang Hiller

Titelbild: Wolfgang Hiller

Preis 5,- Euro


Leseprobe:


Draußen im Flur näherten sich, wenn ich keiner Sinnestäuschung unterlag, die Männer, die mich auf meinem letzten Weg begleiten würden. Ramos, der Direktor des Gefängnisses, Pedro und Juan, die beiden Wärter, der glatzköpfige Richter aus der Hauptstadt des Operettenstaates, in den es mich auf der Flucht vor den Beamten von Interpol verschlagen hatte und natürlich der Jesuitenpater aus dem nahen Kloster, der immer noch glaubte, mich zum Katholizismus bekehren und so meine arme Seele retten zu können. Oft genug hatte ich von diesem Augenblick geträumt, ihn zugleich herbeigesehnt und mich vor ihm gefürchtet und auch jetzt, wo es soweit war, wusste ich nicht recht, welche Gefühle in mir überwogen. Einerseits hatte ich bei der Vorstellung, bald meinen Kopf unter dem angerosteten und mit dem Blut unzähliger Delinquenten beklebten Fallbeil zu wissen, panische Angst und rumorte es mächtig in meinem Darm, ein sicheres Indiz dafür, dass ich emotional geladen wie selten war. Andererseits konnte mir gar nichts besseres passieren, als von fremder Hand umzukommen und so dem Siechtum zu entgehen, das mir sonst unweigerlich bevorstand. Lungenkrebs bereitete im Endstadium kein großes Vergnügen und wenn der Gefängnisarzt mit seiner Diagnose nicht völlig daneben lag, hätte ich bei einer Begnadigung noch drei oder vier Monate an Atemnot zu leiden, zu husten, bis ich Blut spuckte und dabei die Zigarettenmafia zu verdammen, die mich vor unendlich langer Zeit vom Nikotin abhängig gemacht hatte.


Die Geräusche verstärkten sich, bis die Männer vor der Zellentür innehielten und es plötzlich ganz leise wurde. Ich kam mir vor wie nach einer Missetat, bei der ich von meinem Vater erwischt worden war, lag mit entblößtem Hintern bäuchlings auf einem langgestreckten Schemel und zitterte am ganzen Leib, während mein Erzeuger sich für die Strafaktion sammelte und keinen Laut von sich gab. Als nächstes hörte ich das Zischen des Rohrstocks, der auf mein Gesäß niedersauste und dann das eklige Geräusch, das entsteht, wenn der Bambus auf der Haut aufkommt und beide sich für Sekundenbruchteile vermählen, bevor das Rohr den ersten Striemen auf dem verlängerten Rücken hinterlässt. Ich wusste noch, dass ich bei den väterlichen Prügelorgien nie einen Mucks von mir gegeben hatte und nahm mir fest vor, an diese Tradition anzuknüpfen, wenn ich mit der Guillotine Bekanntschaft machte.


Die Zellentür wurde aufgeschlossen und ich wandte mich demonstrativ ab, weil ich gar nicht wissen wollte, ob wirklich die Männer zu mir gekommen waren, an die ich gedacht hatte.


"Seien Sie kein Spielverderber und kommen mit zur Party!", hörte ich den Richter in meiner Vorstellung grölen und dann noch einmal das Todesurteil verkünden wie vor drei Monaten in dem protzigen Gerichtsgebäude aus der Kolonialzeit, das in seltsamem Kontrast zu den armseligen Hütten ringsum stand. Einer der Männer räusperte sich und ich ließ meinen Blick ein letztes Mal über das karge Mobiliar des fensterlosen Raums gleiten, der längst zu meiner Heimat geworden war. Mir schien es, als ob ich noch einmal Abschied von meinem Kinderzimmer in Bad Reichenhall nahm, wie vor 23 Jahren, als ich kurz vor dem Abitur fluchtartig das zu eng gewordene Elternhaus verlassen hatte, um nie wieder zu meiner Familie zurückzukehren. Auch das Zimmer, in dem ich ab dem 5. Lebensjahr, nach dem Umzug von der Nordseeküste, Kindheit und Jugend verbracht hatte, war recht spartanisch eingerichtet gewesen und wenn es auch mit einem winzigen Fenster in der Dachschräge versehen gewesen war, hatte ich mich damals ebenso gefangen gefühlt wie jetzt.


Ich seufzte und wandte mich den Männern zu, die mich teils feindselig, teils emotionslos musterten, begrüßte sie mit einer knappen Kopfbewegung und wartete darauf, dass sie mir irgendwelche unsinnigen Verhaltensregeln gaben, um es zu keinen Störungen beim Hinrichtungszeremoniell kommen zu lassen. Doch nichts dergleichen geschah. Stumm wie Fische gingen die beiden Wärter, während mich Priester, Direktor und Richter weiter anglotzten, auf mich zu, banden als erstes meine Hände hinter dem Rücken zusammen und legten mir dann eine skurril anmutende Gesichtsmaske an, wie sie Anthony Hopkins im Film >Das Schweigen der Lämmer< getragen hatte. Sie glaubten also allen Ernstes, dass ich, der friedfertige deutsche Staatsbürger Fritz Hansen, unzählige Menschen tot gebissen hatte. Waren der festen Überzeugung, einen Vampir wie Fürst Dracula vor sich zu haben und sich vor ihm schützen zu müssen, indem sie ihm nicht nur Fesseln, sondern auch ein Gestell aus Stahl und Leder anlegten, das zu allem Überfluss mit einem ekligen Mundknebel versehen war. Anfangs meinte ich, mich wegen des Knebels übergeben zu müssen, doch dann verging die Übelkeit wieder und die Wärter machten sich weiter an mir zu schaffen. Einer legte mir Fußfesseln an, der andere zusätzlich zu den Nylonfesseln solide Handschellen und zu guter letzt stülpten sie mir einen Jutesack über, sodass ich mich völlig von der Außenwelt abgeschnitten fühlte.


Erst jetzt begannen die Männer, miteinander zu sprechen, doch verstand ich wegen des Sacks über meinem Kopf und des Dialekts, der mit dem Spanischen wenig gemein hatte, kaum ein Wort. Das war mir, als die Guardia Civil mich Tag und Nacht verhört hatte, nicht viel anders gegangen und daran lag es wohl auch, dass ich irgendwann einen Wisch unterschrieben hatte, in dem ich zugab, wenige Stunden nach der Einreise zwei 15-jährigen Mädchen die Kehle durchgebissen zu haben.


Die Wärter waren nun endlich mit ihren Vorkehrungen fertig, fassten mich unter den Armen und ich setzte mich, von ihnen geführt, in Bewegung, soweit es die Fesselung zuließ. Stolperte schon über meine Beine, bevor ich aus der Zelle heraus war und fühlte den Adrenalinspiegel in mir steigen wie immer, wenn ich nicht Herr der Situation war. Die Wärter stellten mich unsanft wieder auf und ich erinnerte mich daran, was ich mir vorgenommen hatte. Dachte an ein saftiges Steak und ein kühles Bier und schon ging meine Erregung ein wenig zurück. Dafür begann ein Film vor meinem geistigen Auge abzulaufen wie bei vielen Menschen an der Schwelle des Todes. Im Zeitraffer, aber deutlich genug, um mein Leben noch einmal an mir vorüberziehen zu sehen. Zuerst sah ich von einem Strand nahe Travemünde aus die vom Herbststurm aufgewühlte Ostsee vor mir, mit den Augen des Kleinkindes, das dem geliebten Meer Adieu sagte und dabei Rotz und Wasser heulte. Mir war bis heute nicht klar, was Vater damals bewogen hatte, den Job eines Versicherungsvertreters in den Voralpen anzunehmen, reicher war er dadurch jedenfalls nicht geworden und dafür hatte er mich von meinen Spielkameraden getrennt, aus der vertrauten Umgebung herausgerissen und mich zudem den Hänseleien der ganz überwiegend katholischen Klassenkameraden in der Schule ausgesetzt, in die ich ein Jahr nach dem Umzug kam.


"Heide! Heide!", hatten sie mir nach dem Unterricht hinterhergerufen, wenn ich nachhause strebte, während sie zurückblieben, um mit dem Pfarrer für die Fronleichnamprozession oder ein anderes Kirchenfest zu proben. Und mir war diese Hänselei keineswegs egal gewesen, obwohl die Eltern mir einzureden versuchten, die methodistische Konfession sei mindestens ebenso bedeutsam wie die der Papisten.


Dann sah ich Agnes auf mich zukommen, drei Jahre älter als ich und in gewissen Dingen schon recht erfahren, während ich mich mitten in der Pubertät und damit im Stimmbruch befand und nicht wusste, ob ich Fisch oder Fleisch war. Agnes hatte sich am Ufer des verschwiegenen Bergsees, von mir unbemerkt, ihrer Kleidung entledigt und stellte voller Stolz ihren in voller Blüte stehenden Leib zur Schau, freute sich diebisch darüber, dass ich Pimpf sie mit großen Augen und unverkennbarem Begehren anstarrte und ich hatte nur noch den unbändigen Wunsch, sie zu küssen und zu liebkosen, als sie unmittelbar vor mir zum Stehen kam, mich spöttisch musterte und mit Todesverachtung in der Stimme die winzige Beule in meiner Hose kommentierte:


"Sieh an, der Fritz ist spitz! Hol den Kleinen doch einfach heraus und steck ihn in ein Mauseloch, vielleicht kommt ja schon ein Tröpfchen raus..."


Dann fing sie an, zu lachen, so laut, dass es kilometerweit zu hören war und ich wollte sie nur noch bestrafen, ihr die Haut vom Leibe ziehen und sie mit kochendem Teer übergießen, so, wie es mir später immer wieder erging, wenn ein weibliches Geschöpf meinte, mich wegen des zugegeben recht klein geratenen Gliedes aufziehen zu müssen...


Soweit unsere Leseprobe: Weiter geht es in HORROR Band 54!